Nachbarschaften - früher und heute am Beispiel von Königshoven


Lebensgemeinschaften im Ort

von Konrad Bludau

Die Nachbarschaft als Rechtsinstitution der alten Germanen droht vollkommen zu verschwinden. An ihrem Verschwinden sind eine Reihe von Kräften beteiligt. Die früheren Nachbarschaften sind geschichtlich und auch kulturgeschichtlich sehr interessant, so dass es sich lohnt, diese mit den heutigen Sitten, Gebräuchen und Leben zu vergleichen.

Die Nachbarschaften stellen eine festumrissene Gemeinschaft und im wörtlichen Sinne eine zusammengewachsene Lebensgemeinschaft dar. In der Literatur werden zwei Arten von Nachbarschaften unterschieden. Die kleine Nachbarschaft, also der Nachbar im eigentlichen Sinne von nebenan und die große Nachbarschaft, die man heute als Nachbarschaftsort als kirchliche oder politische Gemeinde bezeichnet.

Besonders in Königshoven haben sich die Nachbarschaften auch nach der Umsiedlung im Prinzip noch weitgehend erhalten. Die Zahl der Nachbarschaften ist in Königshoven im Vergleich zu anderen Ortschaften und Gemeinden aus dem Gebiet des Niederrheins besonders hoch. Dies geht aus einer wissenschaftlichen Untersuchung durch Herrn Dr. Josef Robens hervor.

Königshoven bestand ursprünglich aus vier Ortschaften, und zwar aus Königshoven, Obermorken, Berg und Allhoven, die im Anfang des 14. Jahrhunderts vereinigt wurden. Wahrscheinlich sind diese Ortschaften aus dort ansässigen Hufen oder auch Höfen entstanden.
bild Königshoven alt


Das Wesen der Nachbarschaft ist eine Gemeinschaft innerhalb von festumrissenen Grenzen. die auch heutzutage noch festzustellen und vorhanden sind. Im 19.Jahrhundert entstanden in Königshoven mehr oder weniger auch neue Nachbarschaften, doch die alten Nachbarschaften sind in ihrem Ursprung bezüglich der existierenden Gebräuche nicht ganz in Vergessenheit geraten.
Man erinnere sich an folgende frühere Gebräuche: War jemand schwer erkrankt und hatte den Tod vor Augen, so vollbrachte die Nachbarschaft die bekannten Fußfälle. Eine kleine Bittprozession ging betend die im Kreis liegenden sieben Feldstationen als Nachbildung des Leidensweges Christi ab.


Bilder der Fußfallstationen











Zu Beginn einer schweren Erkrankung wurden diese Prozessionen an drei verschiedenen Abenden durchgeführt. An diesen Fußfällen nahm mindestens je eine Person einer jeden Familie aus den Häusern der Nachbarschaft teil, während sich die direkten Verwandten des Betroffenen daran nicht beteiligten. War eine weibliche Person erkrankt, beteiligten sich Frauen und Mädchen an der Bittprozession. Im umgekehrten Falle die Männer und Knaben der Nachbarschaft.

Im Todesfall übernahmen die Burschen der Nachbarschaft das Läuten der Glocken an drei Abenden zu einer festbestimmten Stunde. Es war üblich, dass sich aus jedem Haus der Nachbarschaft ein Bursche beteiligte. Vorgenommene Reisen, auch aus beruflichen Gründen, galten damals nicht als Entschuldigungsgrund und wurden außer in schwierigen Fällen verschoben. Bei Begräbnissen wurde der Sarg mit der Leiche von bestimmten Trägern ab dem Sterbehaus durch die Nachbarschaft zu Grabe getragen. Später erfolgte die Überführung überwiegend mit einem Totenwagen.

Heute wird der Sarg nur noch von der Friedhofshalle über den Friedhof zum Grabe getragen. Ausgenommen hiervon sind die großen Staatsbegräbnisse. Nachdem die Leiche im Sarg zu Hause aufgebahrt war, kamen früher noch einmal alle Nachbarschaften, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen und im stillen Gebet innezuhalten. In den Nächten, in denen sich der oder die Tote noch im Hause befand, hielten die Nachbarn, entweder Frauen oder Männer. die Totenwache und verbrachten die Nacht im Gebet. Darüber hinaus wurden Obliegenheiten an einzelne Personen bestimmt. In der Regel wusste jeder, welche Obliegenheiten er zu verrichten hatte.

Entlastung der Trauernden

So gab es den Ansager. Dieser benachrichtigte z.B. die Nachbarschaft von der schweren Erkrankung eines Mitgliedes. Er bestimmte den Zeitpunkt der Fußfälle und die Zeit für das Läuten der Glocken. Er sorgte dafür, dass genügend Träger für den Sarg vorhanden waren und regelte die Reihenfolge der Nachtwache. Falls es notwendig war, half er auch beim Einsargen der Leiche. Der Grundgedanke des Ansagers war die Entlastung der Trauernden. Weiterhin wurde auch eine Frau aus der Nachbarschaft mit besonderen Funktionen bestimmt. Sie hatte früher die Totenwäsche, die Einkleidung der Leiche in ein Totenhemd sowie nach dem Trauerfall die Reinigung des Totenzimmers durchzuführen. Für diese Hilfeleistungen zeigte sich die betroffene Familie in jedem Fall erkenntlich. Die Gegenleistung bestand in der Bewirtung der Nachbarschaft, die in der Regel zur Einladung zum Kaffee mit Kuchen bestand; unter anderem wurden Getränke angeboten, die wohl früher die Hauptsache bildeten. So kam es zu der überlieferten Redensart: „Stoßet an, wir versaufen sein Fell.“

Die engeren Verwandten nahmen dagegen bereits an der Bewirtung eines Essens teil, dass im Anschluss der Beerdigung stattfand. Dieses ist auch heute noch bei Kindtaufen oder bei speziellen familiären Anlässen üblich.

Das Einsargen und die Totenwäsche wird heute von Beerdigungsunternehmen durchgeführt. Das Einsargen hatten damals die Schreiner übernommen, die sich dann im Laufe der Zeit zum Bestatter entwickelten.

Hilfeleistung in besonderen Fällen

Die Nachbarschaft leistete früher auch Hilfeleistung in den Fällen, bei der eine Frau im Wochenbett lag. Es half eine erwachsene Tochter aus der Nachbarschaft. War keine Person vorhanden , übernahm die Nachbarsfrau zur Rechten die Arbeit. Die Nachbarschaftshilfe sprang verpflichtend ein, wenn in einem Hause ein Mann verstarb, falls kein Sohn da war. So war es eine Selbstverständlichkeit, dass der Acker der Witwe von der Nachbarschaft bearbeitet wurde. Die Männer der Nachbarschaften säten, pflügten, ernteten und droschen das Korn für die Witwe.

Einer der wichtigsten Fälle war früher der Ausbruch eines Brandes. In diesem Fall war die gesamte Nachbarschaft zur Hilfeleistung verpflichtet. Die Hilfe erstreckte sich nicht nur in der Bekämpfung des Feuers, sondern auch in der Unterstützung der Betroffenen. Das gerettete Vieh wurde in die Ställe der Nachbarschaft untergestellt und ohne Entgelt gefüttert und gepflegt. Die Betroffene Familie wurde von den Nachbarschaften aufgenommen und erhielt Unterkunft und Nahrung. Waren zum Beispiel bei einem solchen Brand die Wintervorräte vernichtet, erhielten die Betroffenen über eine Umlage der Nachbarschaft notwendige Vorräte zugeteilt. Die Verpflichtungen zur Hilfeleistung erstreckte sich auch in Fällen der Kriegsereignisse, wenn die Not am schlimmsten war.

Hilfe beim Hausbau

Die früheren Nachbarschaften gingen sogar über den Zweck der Notfälle hinaus. So wurde die Nachbarschaft auch beim Aufbau oder Neubau eines Hauses tätig. Die Hilfeleistung bestand in der Ausführung aller Arbeiten die notwendig waren. Sie bestanden in dem Anfahren von Sand, der Steine des Zuschnitts von Holz und der damit verbundenen Anlieferung. Beim Bau von Kirchen beteiligten sich in der Regel mehrere Nachbarschaftsgemeinden.

Man erinnere sich noch an die finanziell schlechter gestellten bzw. armen Mitglieder, die keine Zugtiere besaßen. Sie nahmen damals die Hilfe der Nachbarschaften bei der Bestellung ihrer Felder oder die Hilfe zum Einfahren der Ernte in Anspruch. Feststellbar war dies in der Regel bei der Unterstützung der Geistlichkeit, der Kirchenbeamten und Lehrer.

Die Nachbarschaftsfrauen leisteten sich früher gemeinsame Hilfe beim Einmachen der Bohnen, beim sogenannten „Bohnenfitschen.“ Die Stangenbohnen wurden früher mit scharfen Messern in kleine Scheibchen geschnitten und danach in Steinguttöpfen eingemacht. Dasselbe galt auch nach der Ernte von Rübstielen. Allerdings stellte diese Hilfe keine Notunterstützung dar. Sie ist in der heutigen Zeit vollkommen verschwunden.

bild Auf einer Anhöhe die Kirche in Königshoven

Ferner half man beim Treiben des Viehes auf die Weide, indem man abwechselnd das Vieh hütete. Bekannter ist, dass ein Hirte diese Arbeit übernommen hat.

Brotbacken in früherer Zeit

Auch das Brotbacken gehörte zur damaligen Organisation der Nachbarschaftshilfe. Der Backofen war damals Gemeinschaftsbesitz. Dieser stand gewöhnlich etwas abseits hinter den Häusern. Zu festgesetzten Zeiten wurde der Backofen eingeheizt und für die ganze Nachbarschaft das Brot gebacken. Die Beschaffung des Feuerungsmaterials und das Anheizen waren in den früheren Zeiten die meiste Arbeit, besonders in holzarmen Gegenden. Auch der gemeinsame Besitz am Brunnen wurde im damaligen Königshoven lange aufrecht erhalten und blieb selbst dann noch bestehen, als die Pumpe an die Stelle des alten Ziehbrunnens trat und in den Nachbardörfern die Brunnen längst in den Besitz der Gemeinden übergegangen waren.

Marktplatz Königshoven

Eine Reihe von Nachbarschaften in Königshoven lagen auf einer Anhöhe. In trockenen Jahren machte sich dann Wassermangel bemerkbar. Die damalige Nachbarschaft der Pannengasse 10 auf dem Berge besaß ihren Brunnen unten im Dorf in der Nähe des Baches. Der Weg dorthin führte über das“Pützgässchen.“

Im Mittelpunkt der Nachbarschaft wurde stets ein künstlicher Teich angelegt. Ebenso wie der Brunnen ist auch heute der Teich meist verschwunden und in der Regel danach durch einen Dorfplatz ersetzt worden. Doch in manchen Dörfern befindet sich heute noch der sogenannte Feuerlöschteich. Die Lage der Dorfteiche gaben den besten Anhaltspunkt für das Auffinden der einzelnen Nachbarschaften und somit die Festlegung der Grenzen.

In den frühen Jahren der Hof- und Hausnachbarschaften wurden zu gleichen Teilen die in der Nähe liegenden Wälder und Weiden unter den Mitgliedern zum Besitz verteilt. Im sogenannten „Röberbusch“ hatten die Nachbarn noch in den 1970er Jahren je einen kleinen Schlag Holz für die Winterfeuerung bereitgestellt.

Noch bis in die heutige Zeit kennen wir die Brauchtumsüberlieferungen wie Schützenfeste und Kirmesveranstaltungen. Auch kirchliche und weltliche Festtage, die die Existenz der Nachbarschaften überdauerten und heute noch gelebt werden. Bei den kirchlichen Festen sind die Prozessionsumzüge, die festlichen Oster-und Pfingsttage sowie die Weihnachtstage hervorzuheben. Nicht unerwähnt sollen auch die Fastnachtstage sein, die ihren kirchlichen Ursprung im Fasten haben.

Die Fastenzeit

Die vierzigtägige Fastenzeit der römisch-katholischen Kirche ist als „österliche Bußzeit“ bestimmt und dient der Vorbereitung auf die Feier des Todes und der Auferstehung Christi. Die Fastenzeit beginnt mit dem Aschermittwoch, und dient im Christentum der Vorbereitung auf das Osterfest. Nicht zu vergessen sind Ernte- und Schlachtfeste, die in manchen ländlichen Gemeinden auch heute noch gefeiert werden. Ein schöner Brauch zu Ostern ist das Eierfärben. Kinder gingen von Haus zu Haus und sammelten die buntgefärbten Eier. Die Burschen trafen sich am Brunnen um Eier zu „kippen“. Dabei wurden zwei Eier mit der Spitze aufeinander geschlagen.Der Gewinner erhielt darauf das zerbrochene Ei des Gegners.

Lourdes Grotte Königshoven

Maibaum

Zum 1. Mai pflanzte die Nachbarschaft den Maibaum. Diese Tradition wird auch heute noch vollzogen. Damit Nachbarschaften den Baum nicht entwendeten, wurde dieser über Nacht bewacht. Wie weit die Auffassung der Lebensgemeinschaften in der Nachbarschaft ging, sieht man an einigen Tatsachen.

In vielen Fällen etablierte sich die Pflicht Hilfe zu leisten. Eine Entziehung von den gemeinsamen Pflichten hatte unzweifelhaft eine vollständige Ächtung der gesamten Nachbarschaft zur Folge. Oftmals musste der Geächtete seinen Wohnsitz aufgeben. Noch einige weitere Tatsachen dürften für die Kenntnis des Wesens der Nachbarschaft von Bedeutung sein. Dieses wird durch die grundverschiedenen Haustypen der fränkischen Bauernhöfe und keltischen Häuser dokumentiert. Beide sind aus Fachwerk erbaut , wobei die gebildeten Fächer im Balkenwerk mit Reisig gefüllt und einem Gemisch aus Stroh und Lehm verbaut wurden. Die Wesensmerkmale des keltischen Hauses liegen darin, dass der Giebel des Wohnhauses immer zur Straßenflucht gerichtet war. Dahinter lagen dann die Stallungen für das Vieh. Der Eingang zur Wohnung erfolgte immer von der Seite. Die Wohnzimmerräume waren auf der Giebelseite mit den Fenstern zur Straße errichtet. Hinter den Stallungen lagen die Gärten und danach die Wiesen, die gewöhnlich bis zu einem Bachlauf reichten.

Der fränkische Hof war dagegen in einem Viereck gebaut und umschloß den Hof, den man durch eine Toreinfahrt erreichte. Rechts oder links von der Tordurchfahrt lag das Wohnhaus und auf der anderen Seite meist der Pferdestall. Das Wohnhaus stand mit der Front zur Straße, das auch von hieraus einen besonderen Eingang hatte. Im rechten Winkel zum Wohnhaus schlossen sich die Seitenflügel mit Backhaus, Schweinestall oder Hühnerstall an. Auf der Rückseite wurde der Hof durch das Scheunengebäude abgeschlossen. Bei manchen Höfen ist ein Wall und auch ein Graben festzustellen. Der fränkische Hof hatte so einen reinen Befestigungscharakter. Rings um den Hof verliefen die Felder.

Fränkischer Hof

Die fränkischen Höfe standen anfangs immer allein, also abseits der gebildeten keltischen Nachbarschaften. In den späteren Jahren bildete sich dann oftmals ein Dorf vom Mittelpunkt des Hofes, ähnlich der keltischen Struktur. Oftmals lagen die fränkischen Höfe in einer Senke. Ursprünglich stellten sich die Nachbarschaften als germanische Einrichtungen dar. Die früheren Nachbarschaften, die als Lebensgemeinschaften existiert haben, findet man in der Form der verpflichtenden Hilfe heute nicht mehr vor.

Wohl gibt es heute noch Hilfe in den unmittelbaren und engen Nachbarschaften, sowie Hilfe bei Katastrophen (Überschwemmungen, Brände) oder bei Explosionen. Die größte Schuld am Verschwinden der ursprünglichen Nachbarschaften sind den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen zuzuschreiben. Durch das erlernen der individuellen Berufe, insbesondere des Handwerks, werden viele Arbeiten ausgeführt, die früher Gemeinschaftsarbeiten der Nachbarschaften waren.

Aus den Lebensgemeinschaften haben sich heute staatliche und weltliche Einrichtungen wie die Feuerwehren und die Polizei entwickelt. Auch karitative Vereine , Hilfsorganisationen (DRK/MHD u.a.) und weltliche Organisationen wie UNICEF sind aus den Anfängen der früheren Gemeinschaften gebildet gebildet worden. Es bleibt zu hoffen, dass das Miteinander und Füreinander niemals an den Rand verdrängt wird.



Quellennachweis: Expertise von Dr. Josef Robens
Erweiterte Darstellung, Bericht und Layout von Konrad Bludau, Bilder von Heinz Obergünner
Stand 2019
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