Geschichten und Sagen


Leonhardt Korth veröffentlichte in den
Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 1891 (Heft 52)
ein Bericht, dieser hieß „Volksthümliches aus dem Kreis Bergheim“.



Ein Auszug, aus den Überlieferungen in Originalform, mit Bezug zum Bedburger Raum veröffentlichen wir hier.


Darin schreibt er

„Manches darunter ist von Kindermund berichtet, nicht zum Schaden einer treuherzigen Darstellung, aber auch nicht zum Nachtheile der Ursprünglichkeit. Es sind die ältesten unter dem lebenden Geschlechte, von denen gerade das Kind seinen Sagenschatz empfängt. Wer bei Erwachsenen anfragt, der begegnet oft genug der misstrauischen Furcht, durch die Wiedergabe der vermeintlich so gar albernen Erzählungen sich lächerlich zu machen; steht man aber einmal in dem Rufe, ein Freund wunderbarer Geschichten zu sein, ...“

Leonard Korth, geboren am 2. Dezember 1853 in Köln, war Archivar und Schriftsteller.
Er verfasste einige geschichtliche Werke. Am 6. Februar 1914 verstarb er in Kloster Marienwörth bei Bad Kreuznach.

Zu den Orten:

1. Am Magershof, seitwärts auf die Hügelkette zu, führt eine Stelle den Namen Fontei. Hier entsprang vor Jahrhunderten, als die Höhen noch bewaldet waren, eine kleine, aber äusserst reiche Quelle, deren klares Wasser durch steinerne und hölzerne Röhren nach dem Bedburger Schlosse geleitet wurde. Sie war so tief, das Spaten und Grabscheite in ihr verschwanden. Später soll man sie mit Mühlsteinen verstopft haben, weil ihr Wasser sich über die Felder ergoss.

2. Am Welchenberg (Wäldchenberg) erschien in einem Kuhstalle öfters eine Schlange mit einer goldenen Krone auf dem Kopfe und trank, nachdem sie die Krone abgelegt, von der Milch im Eimer. Eines Tages aber nahm die Magd schnell entschlossen die Krone und entlief damit. Voll Wuth flog die Schlange gegen die verschlossene Thür, bei der man sie später mit gebrochenem Genick liegen fand.

3. In der Teufelshöhle (Düvelshüll), welche gegenwärtig nur noch ein kleines Erdloch unweit Kaster-Zollhaus ist, wohnte ehedem ein schwarzer Mann, der oft in der Geisterstunde hoch zu Ross durch die Felder ritt, der aber auch manchmal am hellen Tage plötzlich hinter einem Busche auftauchte.

Von Teufelsspuk wird auch sonst mancherlei berichtet. Eine Stelle bei einer Brücke in der Schlossallee heisst „am schwarzen Teufel", und die Schweinssenk hat ihren Namen daher, dass dort der Teufel den Bauern ihre Schweine in die Erft getrieben hat.


4. Die Stelle, wo jetzt die Heuscheunen von Burgbroich stehen, hiess früher der Garsweihers Knupp. Von hier zog um Mitternacht ein Jäger mit wildem Geheul und Getöse durch Sumpf und Buschwerk aus.

5. In der Nähe der Zuckerfabrik erscheint ab und zu des Nachts um zwölf Uhr ein steinaltes Männchen, welches jedem den Tag seines Todes genau vorherzusagen weiss.

6. Die zweite Knipp, eine Höhe bei Muchhaus, wurde ehemals von den Leuten sehr gemieden aus Furcht vor dem schwarzen Manne. Dieser ist einmal einer Frau und ihrem Sohne, die zur Frühmesse gewollt, an jener Stelle begegnet. Der Junge hatte sich vorgesehen und schlug mit einem Pfahle nach ihm, wurde aber durch einen Fusstritt in die Tiefe geschleudert.

7. In Muchhaus stand zur Zeit ein altes verlassenes Haus; in diesem schlief der schwarze Mann bei Nacht auf einem Dachsparren, hat aber nie in das Haus hinein gewollt.

8. Am Kahls Kirchhofe (unweit des Bahnhofes) soll einmal eine Mutter von ihrem eigenen Sohne misshandelt worden sein. Da kam ein Herr in einem goldenen Wagen vorübergefahren und erschlug den Sohn, die Leiche aber wurde auf demselben Grundstücke verscharrt. Dem Kahls Kirchhofe gegenüber stand ehedem die Kreuzkapelle.

9. Von der Zunge erzählt man sich, dass dort vor langer Zeit ein Mann von einem Baume erschlagen worden sei, der während des Falles sich plötzlich nach der entgegengesetzten Seite gewendet habe.

10. Am Broicher Busch, unfern der Fontei, soll, wie man jetzt noch vielfach hört, die Ennungsmöhn in einer Erdhöhle gewohnt haben. Nachmittags um zwei Uhr, wenn der Kuhhirt geblasen, habe die Frau ihre Wohnung verlassen und sei alsdann jedesmal bis tief in die Nacht umhergeschwärmt.

Ennunger ist der Mittagsschlaf; einen solchen zu halten ist in unserer Gegend dem Bauern vom 1. Mai bis zum S. Bartholomäustage (24. August) gestattet. Die Ennungsmöhn, auch Ennungsmohr, ist das „daemonium meridianum" (Psalm 90, v. 6), die Mittagsfrau des heidnischen Feldmythus.


11. Geretzhoven, ein grosses Bauerngut an der Gilbach, ist der Schauplatz vieler sagenhaften Erzählungen. Einmal, so wird berichtet, seien einige Mägde von der Kirmes in Frauweiler zurückgekommen und hätten die Gutsbesitzerin wecken wollen, damit sie ihnen das Thor öffne, als sie aber den Namen der Frau gerufen, habe sich ein grauenhafter Lärm erhoben und alle Gerätschaften seien im Hofe umhergeflogen und die Wannmühle habe sich von selbst in Bewegung gesetzt.

12. Es hatte auf dem Hofe auch ein Holzschuhmacher seine Werkstätte, in der die Knechte ihre freie Zeit verplauderten. Eines Abends war man eins geworden, Kuchen zu backen und einer der Knechte begab sich in die Küche, um dort bei der Magd Oel zu holen. Als nun der Kuchen fertig war und man sich zu Tische setzte, wurden von der Treppe her schwere Tritte vernommen, plötzlich flog die Thür auf und „Beil mit dem breiten Kamisol“ („der schwarze Mann“) steckte seinen Kopf ins Zimmer. Man warf mit Hammer und Beissel nach ihm, so dass er in den Kartoffelstall flüchtete, niemand aber wagte ihm zu folgen.

13. Ein anderes mal sahen zwei Männer, welche nachts an dem Hofe vorbei kamen, ein weisses Gespenst, welches immer grösser wurde. Da rief der eine dem anderen zu: „Christ, lass uns hereingehen, Beil ist wieder da!“

14. Eine Magd war des Nachts aufgestanden und wollte in die Küche gehen. Da kam ein weisser Mann mit langen Stiefeln auf sie zu und wollte sie greifen. In grösster Angst lief sie die Treppe hinauf. Von ihrem Schreien aber fuhr alles aus dem Schlafe und die übrigen Mägde beteten. Der Geretzhover Herr allein fasste sich ein Herz und ging hinunter. Dort traf er einen schwarzen Mann, der ihn zu Boden schlug. Am Morgen fanden ihn die Knechte, welche in den Pferdeställen geschlafen hatten, betäubt da liegen.

15. Der Priorshof auf der Höbe oberhalb Bedburg gehörte dem Kloster der Augustiner-Eremiten. In früherer Zeit war dort kein Brunnen und alles Wasser wurde von Eseln aus dem Erftthale hinaufgeschleppt. Die Gasse, durch welche die Esel ihren Gang hatten, heisst heute noch die Eselsgasse. Hier will man zur Zeit vier schwarze Männer mit einer Bahre haben hinaufsteigen sehen. Als die Männer die Gasse wieder zurückkamen, hatten sie einen Todten auf der Bahre.

16. In alter Zeit soll es Gebrauch gewesen sein, dass ärmere Leute bei Sterbefällen sich auf dem Priorshof ein Todtenhemde holten. Eine Frau, deren Mann gestorben war, ging ebenfalls dorthin. Da begegnete ihr unterwegs ein Feuermann, begleitete sie bis an das Thor des Hofes und schloss ihr dieses auf.

17. Nach Broich zu, mitten in der Wiese, heisst eine kleine Anhöhe der Gappstock. Sie soll ihren Namen daher tragen, dass man von hier aus die kölnischen Bauern kann gappen (gähnen) sehen.





1. Manche wunderbare Erzählung knüpft sich hier an den Namen des Buchholzer Schäfers. Diesem ist es unter anderem widerfahren, dass der Teufel am lichten Tage sich auf den Schafbock gesetzt hat und an der Spitze der Herde durch das Feld geritten ist.

2. Die Fluren im grossen und im kleinen Werwolf, zu beiden Seiten des Weges nach Gommershoven erinnern unzweifelhaft an Peter Stabe, den Werwolf von Epprath, der am 31. Oktober 1589 in Köln hingerichtet wurde. Er hatte bekannt, dass er in Wolfsgestalt dreizehn Kinder von sechs oder sieben Jahren, darunter sein eigenes Söhnchen, zerrissen und ihnen das Gehirn aus dem Kopfe gefressen habe.





1. Im Dorfe liegt ein grosser Weiher und in diesem befinden sich auf einer Insel die Trümmer der alten Burg. Die unterirdischen Gänge und Keller sollen dort noch viele Schätze bergen. Man sagt auch, vor Zeiten habe man vom Garsdorfer Weiher aus zu Schiff nach Auenheim gelangen können.

2. Am Neusser Wege zwischen Rath und Vanikum ist einmal einer, der sieben Fettmännchen gestohlen hatte, vom Volke aufgehängt worden.

Am Rhein wurden Münzen in der Zeit von 1614-1730 sogenannte Fettmännchen massenweise geprägt. Den Namen führt man auf das aufgeprägte Brustbild eines wohlbeleibten Fürsten zurück.




1. Am Hasselsberg, auf der Anhöhe beim Rochuskapellchen, standen früher die Hasseler Höfe 1.
Der Stetzhemer Acker bezeichnet die Stelle des Stertzheimer Hofes, am Schedweg zwischen Kaster und Lipp 2.
Hier und am Driesch sind römische Alterthümer gefunden worden, darunter grosse Steinsärge und Spuren einer gepflasterten Strasse. Auch die Fundamente einer Kapelle sollen zu Tage getreten sein.



1 In der Vroeg der statt Caster a. a. 0. S. 300 heisst es: ,die gass von Heinrich Nolden guit und dem Harffer guit längs die hauser bis an die Hassel ...

2 Nach einer Urkunde vom 14. Februar 1376 hatte damals Herzog "Wilhelm von Jülich„ den hoff zu Stertzheim" käuflich an sich gebracht, Gräfl. von Mirbach'sches Archiv auf Schloss Harff, H. U. A. n. 109.


2. Im Thiergarten stand ehemals eine Einsiedelei und noch jetzt heisst der Weg, der durch den Wald gen Omagen führt nach einem der frommen Klausner der Brojans (Broder Johanns) Weg. Hier zeigen sich alljährlich an den Quatembertagen im Advent um die Mittagsstunde drei weisse Jungfrauen.


Die Quatember umfassen je drei Tage: Mittwoch, Freitag und Samstag der sogenannten Quatemberwochen. Die Winterquatember fallen in die dritte Adventswoche, die Frühlingsquatember in die erste Fastenwoche, die Sommerquatember in die heilige Pfingstwoche und die Herbstquatember in die Woche nach Kreuzerhöhung (14. Sept.).



3. Om Wall nach der Erft zu kann man dem Griesmännche begegnen. Es ist gekleidet wie ein Jäger und trägt grosse silberne Knöpfe am Rock.


Folgende Geschichte rankt sich um das Griesmännchen:
Die Bürger eines Ortes (OrtA) nahmen einen Wald, Gries genannt, für sich in Anspruch, der stets zu einem anderen Ort (OrtB) gehört haben soll. Nach langem Streit kam es zum Prozeß zwischen den beiden Orten. In OrtA gab es einen alten Mann, der die Pest überlebt hatte. Er war als ehrlicher und braver Mensch bekannt und sollte entscheiden.
Der Mann ging in seinen Garten, streute Erde in die Schuhe und verbarg Zweige von Bäumen des Ortes OrtA unter seinem Hut. So ausgerüstet schritt er den Grenzverlauf ab und hielt zum Entsetzen der Bürger von OrtB, nachdem er schon längst die natürliche Grenze des Baches überschritten hatte, erst 100 Meter vor ihrer Ortsgrenze an. Dort hob er die Hand zum Schwure und rief mit lauter Stimme: "Der Boden, auf dem ich stehe, und das Laub, welches mein Haupt bedeckt, hat immer zum OrtA gehört, so wahr mir Gott helfe.
"Zur Strafe soll der Geist des Mannes auch heute noch im Wald spuken.“




1. Kirdorf soll früher eine Stadt gewesen sein und damals Kurdorf geheissen haben. Es umfasste zu dieser Zeit Niederembt, Oberembt und Blerichen. In einem grossen Kriege wurde dann Kirdorf eingeäschert.

2. Auf der Kirdorfer Wiese stand vor vielen Jahren eine stattliche Kirche. In diese brachen einst Räuber ein, um sie zu bestehlen. Da fuhr plötzlich ein gewaltiger Blitz vom Himmel, die Erde that sich auf und Räuber, Kirche, Glocken und Thurm versanken in die Tiefe. Ein rundes Loch in der Wiese, das den Namen Glockensprung trägt, soll noch heute den Ort anzeigen, wo der Kirchthurm gestanden hat.

Erzählungen von versunkenen Glocken sind überall häufig, auch von versunkenen Burgen und Städten.


3. Im Hasenthal unfern der Spinnerei, befindet sich eine Vertiefung, welche das Märchen heisst. Hier stand der Sage nach früher eine Räuberburg, welche bei einem nächtlichen Gelage der Räuber zusammengebrochen ist und die Insassen begraben hat.

Ueber die drei befestigten Burghäuser bei Bedburg s. Dethier, Kreis Bergheim S. 41 f.


4. An der Kapelle auf der Anhöhe zwischen Kirdorf und Lipp heisst eine Stelle der Galgen und der Weg Galgen weg. Der Weg von Kirdorf dorthin heisst Kriegersweg. Diesen benutzte ein Heer, das auf der Anhöhe eine Schlacht lieferte. Die Besiegten aber wurden zu einem grossen Theile an einem daselbst errichteten Galgen gehenkt.

5. In den Erftwiesen zwischen Blerichen und Bedburg war eine starke Burg, die durch Erdbeben und Kriegsnöthe ihren Untergang fand. Ihre Stelle nennt man jetzt noch Burgbroich. Auch im Schaubroich dicht am Finkelbache, lagen ehemals mehrere Gehöfte, welche jetzt verschwunden sind.

6. Die Kirche und die Kapelle in Kirdorf sind dem h. Willibrordus geweiht. Auf der Reise von Utrecht nach Echternach kam der Heilige durch unseren Ort, predigte dort an dem heute noch vorhandenen Brunnen und segnete das Wasser. An dieser Stelle ward dann ihm zu Ehren die Willibrordus Kapelle erbaut.





1. An der Kirchthüre zu Königshoven sind inmitten eines kunstvollen Eisenbeschlages drei auffallend kleine Hufeisen auf genagelt.

Der Volksmund erzählt, sie rührten von dem Zelter der Aebtissin her.

Ein anderer Bericht aber lautet: Es ist einmal in Kriegsläuften entsetzliches Soldatenvolk auf das Dorf zugeritten kommen. Da liefen die erschreckten Einwohner auf den Berg und suchten Zuflucht in der Kirche, die sie sorgfältig hinter sich absperrten. Bald erschienen auch die gefürchteten Reiter vor derselben und versuchten vergebens, indem sie die Pferde so anspornten, dass sie mit den Hinterhufen gegen die verrammelte Thür anschlagen mussten, diese zu sprengen. Hierbei lösten sich drei Hufeisen ab. Als man diese nun nach dem Abzug des wilden Volkes auf dem Kirchhof liegen fand, wurden sie zum ewigen Andenken an die überstandene Angst und glückliche Errettung auf die Kirchthür genagelt.


Im Mittelalter wurde ein leichtes Reitpferd oder Maultier Zelter genannt.


2. Vor dreissig Jahren war ein Knecht auf der Schwarzen Heide am eggen. Als er des Abends abspannen wollte, kam plötzlich ein schwarzer Mann, ergriff das Pferd am Zügel und eggte auf dem Acker hin und her. Schon war er Stunden lang umhergelaufen, so dass das Pferd schäumte; da gingen drei Männer aus der Nachbarschaft dem Knechte nach. Als der schwarze Mann diese erblickte, liess er das Pferd los und verschwand. Der Knecht aber wollte nie mehr auf jenem Stücke arbeiten.

3. Es ging hier früher im Felde oft ein Mann ohne Kopf, der zwei kleine Hunde an einem Seilchen mit sich führte. Wenn jemand Mittags zwischen zwölf und zwei Uhr draussen war, fiel er über ihn her und trieb ihn von dannen.


Es handelt sich hier um ein Mittagsgespenst. Siehe auch Bedburg: Ennunger ist der Mittagsschlaf.


4. Auf der Ferkelskuhl wurde jeden Abend von zwei schwarzen Männern ein Feuer gestocht. Einmal kam ein Bauer vorbei und sagte zu ihnen: „Kanu ich hier etwas Feuer bekommen?" Die zwei aber schwiegen und rührten beständig in der Gluth. Nun nahm der Mann ein glimmendes Köhlchen und legte es in seine Pfeife. Als er nach Hause kam, sah er, dass er ein Stück Gold in der Pfeife hatte. Die Leute von Königshoven, die davon hörten, sagten, es müsse über das Feuer eine neue blaue Schürze geworfen werden. Am andern Abende ging der Mann wieder an den Ort, warf die blaue Schürze über d as Feuer und sofort verschwanden die zwei schwarzen Männer: in der Asche aber lag ein Haufen Gold.


Kohlen werden zu Gold, Kuhn, Märkische Sagen S.31; Schmitz, Sagen und Legenden des Eitler Volkes S. 60 ff.; besonders zahlreiche Sagen über Geldfeuer.


5. Es sagte einmal einer von Morken: „Wer mir diesen Abend begegnet, den soll es das Leben kosten." Da begegnete ihm an der Allee ein Mann aus Garzweiler und sofort stach er diesen nieder. Das geschah am Charfreitag Abend, und jetzt hört man am Charfreitag Abend an der Allee die Stimme des Ermordeten klagen.

6. Als unser Haus noch nicht fertig war, erzählt ein Schulkind, kam eines Nachts ein Mann und klopfte an die Thüre. Mein Vater hörte das und als der Mann zum zweitenmale klopfte, stand mein Vater auf, um ihm zu öffnen. Als er niemand sah, ging er auf die Strasse und bemerkte nun, wie oben am Kreuze ein Mann einherschritt. Zugleich erblickte er an dem Pfuhl eine Frau, welche Wasser schöpfte. Als sie einen Eimer gefüllt hatte, war sie verschwunden. Am andern Tage brannte es auf dem Berge und mein Vater sah, wie man wieder aus dem Pfuhle Wasser schöpfte.

7. Es sind Jahrhunderte her, da stand dort, wo jetzt das Bürgermeisteramt ist, ein Schloss, in welchem zwei Fräulein lebten. Diese hatten unter ihrem Hause einen tiefen Keller, von dem ein unterirdischer Gang nach Kaster führte. Wenn Krieg ausbrach, zogen die Damen sich dahin zurück. Vor einiger Zeit entdeckte man den Keller und ein Knabe liess sich an einem Seile hinunter, allein er war kaum halbwegs, als ihn die Leute schon wieder heraufziehen mussten. Danach brach man den linken Flügel des Schlosses ab und verschüttete mit dem Bauschutt den Keller, zugleich aber auch die Schätze, welche in dem Gange verborgen lagen.

8. Früher, als die Leute noch Flachs schwangen, waren einmal in dem kleinen Hause neben der Kirche zwei Frauen gegen Mitternacht bei der Arbeit. Da bemerkten sie zufällig, dass ein fremder Mensch um die Kirche schlich. Sie weckten den Mann, der mit ihnen im Hause wohnte, und dieser wartete, bis der Fremde die Kirchthüre geöffnet hatte und hineingegangen war, dann eilte er hin und steckte ein schweres Stück Holz durch den eisernen Ring, um die Thüre zu versperren. Der Dieb, welcher das gemerkt hatte, stieg in den Thurm und warf ein Glockenseil zum Schalloche hinaus, um sich daran herunter zu lassen. Der Mann aber ergriff das Seil und läutete. Alles lief zusammen, man holte Stroh herbei, zündete es an und warf es in die Kirche, damit es drinnen hell werde. Der Dieb jedoch war nicht zu finden. Endlich entdeckte man ihn auf der Seite nach Alhoven zu in der Dachrinne. Seinen Namen zu sagen, weigerte er sich standhaft. Darauf wurde er des nächsten Tages an dem Galgen beim Entenpfuhle gehenkt.


Die geschichtliche Thatsache, auf welche diese Ueberlieferung zurückgeht, ist in einem Prozess zwischen dem Füssenicher Hofe und dem zum S. Cäcilienstifte in Köln gehörigen Neuenhauser Fronhofe erwähnt. Es handelte sich darum, wem von beiden es obliege, verurtheilte Malefizpersonen zum Galgen zu fahren und dabei wird erzählt, dass im Jahre 1672 Matthias von Ueggen wegen des in der Kirche zu Königshoven begangenen Diebstahls gefangen und durch Pferde des Neuenhausener Fronhofs zu dem Richtplatz Lohe im Königshovener Felde unweit S. Leonard gefahren worden sei
(Freundliche Mittheilung des Herrn cand. iur. 0. Schmitz in Königshoven).


9. Der Herr des Schlosses sah eines Abends vom Broich aus, wie ein fremder Mensch, der eine Sichel und einen Flegel bei sich trug, in ein Kornfeld ging. Ein Jäger eilte auf den Mann zu, dieser aber erhob seinen Flegel; als hätte er ein Gewehr in Händen. Der Jäger schoss und traf. Am anderen Tage war die Frucht abgemäht und der Fremde lag todt neben den Garben.

10. Wo es jetzt das Gebrannte heisst, wohnten vor hundert Jahren ein armer und ein reicher Mann. Den Armen bethörte der Neid und er suchte den Nachbar aus der Welt zu schaffen, doch es gelang ihm nicht. Zweimal schlich er auch mit einer Brandfackel des Nachts an das Haus des Reichen um es anzuzünden, aber ohne Erfolg. Nach dem dritten vergeblichen Versuche sprach er zu sich selbst: „Das muss in Wirklichkeit ein frommer Mann sein, sonst hätte Gott ihn nicht bewahrt!"

11. Auf dein Huhsterknupp, der zwischen Morken und Frimmersdorf an der Erft gelegen ist, stand das Schloss der tapferen Grafen von Hosteden. Einer von diesen soll den Erzbischof von Köln meuchelmörderisch ums Leben gebracht haben. Seine Feinde zogen deshalb gegen ihn aus und belagerten sein Schloss. Als seine Krieger endlich alle erlegen waren, nahm man ihn gefangen und er sollte an den Galgen gehängt werden. Da that seine Frau eine Bitte an die Sieger und bat, aus der zerstörten Burg mit sich nehmen zu dürfen, was sie über die Erftbrücke tragen könne. Man bewilligte es ihr und sie trug ihren Mann auf dem Rücken und ihre Kostbarkeiten im Schosse hinüber. Die Geretteten bauten dann später im Nachbarlande ein neues Schloss und nannten es Noithausen zur Erinnerung an ihre Todesnoth.

12. Zur Zeit als das Werbergeschäft noch in Blüthe stand, hatte es ein Werbeoffizier, der mit zwei Soldaten in Königshoven sein Wesen trieb, ganz besonders auf einen Schäfer abgesehen, welcher durch Grösse und Schönheit, aber auch durch Kraft und Unerschrockenheit vor seinen Altersgenossen sich auszeichnete. Mit List und Gewalt suchten sie ihm beizukommen, überfielen ihn sogar auf freiem Felde bei den Fuchslöchern, wo er die Schafe hütete, aber immer wurden sie mit blutigen Köpfen zurückgeschickt. Eines Sonntags nun lauerten sie ihm auf, als er eben in ein Wirthshaus an der Jinnestrasse eintrat. Der Schäfer ergriff einen Stuhl, schlug den ersten der Verfolger damit nieder, entriss dem ohnmächtigen den Säbel und drang auf den Offizier ein. Dieser hielt einen Stuhl als Schild vor, aber sein Gegner traf ihn durch den Strohsitz in's Herz, dass er lautlos zusammen brach. Die Leiche wurde heimlich verscharrt und die beiden Soldaten waren anderen Morgens verschwunden.

13. Im Herbste 1794 ging ein Sattler von Königshoven mit seinem Sohne auf das Feld. Am Erbsenwege begegneten ihnen fünf französische Husaren, welche auf den Schreckshof zuritten. Der Sattler, ein muthiger Mann, ging ihnen nach und gewahrte, wie die Soldaten drinnen Geld verlangten, Fleisch und Brod aber zurückwiesen. Als sie aber sogar der Hausfrau ein silbernes Kreuz vom Halse reissen wollten, ging dem Besitzer die Geduld aus und er trieb sie aus der Stube. Auf dem Hofe schnappten sie fünf Enten, steckten sie in die Futtersäcke und ritten den Erbsenweg zurück. Später hörte der Sattler vom Immerather Wege aus Kanonendonner und sah nach dem Gefechte Truppen auf Neuss zu marschieren. Am anderen Tage kam ein Kurpfälzer, der fünfzehn Monate im Dorfe gelegen hatte, eilends in sein Quartier gesprengt und rief: „Vater, wir sind geschlagen, die Franzosen haben gesiegt." Er nahm seine Sachen zusammen, sagte Lebewohl und kam nie wieder. Um neun Uhr kamen die Franzosen in's Dorf. Der ganze Mühlenweg stand voll Karren mit verwundeten und kranken Soldaten. Alle waren sehr zerlumpt und jeder trug seinen Esslöffel im Knopfloche. Sie baten scheu um Esswaaren, aber keiner wollte sich ihnen nähern, bis eine alte Frau sagte: „Lasst uns helfen, die Franzosen sind Menschen wie wir." Nun wurde der Kaltschmiedshof zum Spital eingerichtet, und die, welche starben, begrub man in dem Garten.

Bis zu den zwanziger Jahren wurde in den Mai geläutet, auch bei Gewittern zog man die Glocken. Dann sagten die Leute vom Hofe Kaulen (auf dem rechten Erftufer oberhalb Harff): „Wir brauchen uns nicht zu fürchten, S. Pitters Glocken läuten“.





1. Das Schloss zu Lipp, welches Werner Prinzel im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts dem Grafen von Jülich verkaufte, stand am Ausgange des Dorfes auf Kaster zu. Nicht selten findet man dort in den Aeckern und Wiesen Mauerwerk und altertümliches Geräth.

2. Zur Pfarrei Lipp, welche uralt ist, gehörte früher auch Kaster. Darauf deutet noch die Benennung Kasterer Kirchhof, welche ein grosser Grasplatz neben dem Dorfkirchhofe trägt. Am Feste der Pfarrpatronin, der h. Ursula, fand bis vor etwa zwanzig Jahren ein sehr bedeutender Vieh- und Flachsmarkt statt; als man ihn auf einen anderen Tag verlegte, verfiel er bald.



1. An der Markall, einer alten tiefeingeschnittenen Wasserrinne im Müllenbroich zwischen Harff und Kaster soll früher eine Mühle gestanden haben. Noch jetzt findet man dort häufig Dachziegel und andere Baureste. Am Klockepötz sind einmal Glocken gegossen worden und dort versunken.

Auch in den Kasterer Benden (auf Lipp zu) heisst eine Stelle, an der eine dort gegossene Glocke versunken ist, am Klockepötz.


2. Auf dem Burgweg, geht Mittags von zwölf bis ein Uhr die Ennongersmohr um und verscheucht alle, die sich zur Unzeit im Felde aufhalten.

Es handelt sich hier um ein Mittagsgespenst. Siehe auch Bedburg: Ennunger ist der Mittagsschlaf.


3. Vom Huhsterknupp aus ziehen häufig des Nachts drei Juffern keuchend über den Burgweg. Sie sind gekleidet wie Nonnen und tragen weisse Hüllen.

4. Wer in der Nacht vor S. Matthiastag auf dem Helliger in der Richtung nach S. Leonhard zu sich einstellt, kann so viel Geld haben als er will, denn hier hat der Schwarze freien Umgang, weil in diese Gegend niemals das Sanctissimum gekommen ist.

Sanctissimum, die lateinische Bezeichnung für das Allerheiligste.


5. Zur Sommerzeit kann man vom Hohenholzerwege aus am Stande der Feldfrucht deutlich die Spuren eines Wagens sehen. Es ist das der Weg, den die Ochsen mit dem Leichnam der seligen Christina von Stommeln genommen haben, als sie über die Harffer Kuhbrücke, an der Sood vorbei, quer über die Karlsstrasse nach Kirchherten und von dort nach Jülich fuhren, wo die Entschlafene ihre Ruhestätte haben sollte.

Vgl. u. a. Th. Wollersheim. Das Leben der ekstatischen und stigmatisirten Jungfrau Christina von Stommeln [1242-1312] (Köln 1859).


6. In der Ommerschlei hausten die Heinzelmännchen. Sie sind aber verschwunden, seit man angefangen hat, zu Mittag zu läuten.

7. Geht man in der heiligen Nacht an die Quelle auf dem Pesch, so hört man Glockengeläut aus der Tiefe.

8. Früher gingen die Knechte häufig um Mitternacht an die Stelle, wo der Burgweg die Strasse nach Gustorf kreuzt. Dort gab ihnen dann der Teufel Nothkrampen, mit denen sie fahren konnten, wohin sie wollten.




von H.-T. Dolfen, 2018